Geschichte

Exkursion Wahlpflichtkurs Geschichte 10

Begreifen hat was mit Anfassen zu tun und außer einem Blick ins Buch sollte man auch zwei ins Leben tun. Vor allem bei dem schönen Frühsommerwetter möchte jeder, der nicht an Sonnen- oder Pollenallergie leidet, auch raus ins Grüne. Wieso gerade der Geschichtskurs – und nicht Biologie oder Geografie - in die Gärten der Welt exkursierte? Passt schon, wenn die Schüler sich als eines der Schwerpunktthemen die Geschichte und Kultur Chinas ausgewählt hatten. Der Besuch des Chinesischen Gartens, oder eigentlich „Garten des wieder gewonnenen Mondes“ eröffnete mit allen Sinnen erfahrbaren Eindrücke der sich in einem Rückzugs- und Meditationsort für Gelehrte widerspiegelnden Philosophie von der Harmonie des Jin und Jang: In Widerspruch und Einheit von weichem, anschmiegsamen Wasser und harter, steiler Uferkante, von anmutig sich im Wind schwingenden Weiden – Symbol des Weiblichen - und starken, struppigen, das Männliche verkörpernde Kiefern, dem ewig flüsternden, alles beseelenden und heitere Gelassenheit vermittelnden Bambus und bizarr geformten Steinen aus dem Gebiet des Taihu-Sees bei Wuxi.


In allem steckt die Idee vom ausgewogenes Verhältnis der "sieben Elemente" Erde, Himmel, Wasser, Steine, Gebäude, Lebewesen und Pflanzen. Die Schüler erfuhren aus den Erklärungen, warum die Wege und Brücken geschwungen oder mit Knick verlaufen, die Dächer der in Zinnoberrot, weiß und grau gehaltenen Gebäude nach oben geschwungen sind: Um die bösen Geister auszutricksen, denn die können nur geradeaus gehen, keine Knie beugen und sollen, wenn sie sich auf dem Haus niederlassen wollen, in den Himmel zurück katapultiert werden. Das Klappern der Perle des Glücks in den Mäulern der beiden steinernen Löwen wird denen, diese drehten, sicher Glück für den Abschluss der Mittleren Reife bringen.

„Versuche, dein Leben zu machen“ – Zeitzeugengespräch mit Margot Friedländer

Es war der 30.11.2017 – ein grauer Novembernachmittag wie so viele und doch wird dieser Nachmittag den teilnehmenden SchülerInnen und LehrerInnen in Erinnerung bleiben. Sie versammelten sich im Musikraum des Carl-von-Ossietzky Gymnasiums, um an der Zeitzeugenlesung mit anschließender Fragerunde zu der außergewöhnlichen Lebensgeschichte von Margot Friedländer teilzunehmen.


Die Spannung im bis auf den letzten Platz gefüllten Raum war zum Greifen nah, als die heute 96-jährige Berlinerin ans Mikrofon rückte und zu sprechen begann. Ja fast mit zittriger Stimme und einem Hauch amerikanischem Akzent las sie aus ihrer Biografie „Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“ einzelne Abschnitte vor. Sie begann mit der Schilderung des 20. Januar 1943. Jenem Tag, an dem die Familie gemeinsam fliehen wollte. Als Margot Friedländer zur Wohnung kam, fand sie diese von der Gestapo versiegelt vor. Ihr kleiner Bruder Ralph wurde festgenommen. Daraufhin eilte sie zu Bekannten und hoffte dort ihre Mutter zu treffen. Schmerzlich erfuhr sie jedoch, dass sich diese ebenfalls gestellt hatte, um den Sohn zu begleiten. Ihrer Tochter hatte sie nur die Bernsteinkette und das Adressbuch hinterlassen sowie die Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen“. Den Zuhörern am CvO stockt der Atem, als Frau Friedländer diese einzigen Gegenstände, die ihr von ihrer Mutter geblieben sind, hochhält. Viel später hatte sie erfahren, dass Mutter, Vater und Bruder nur kurze Zeit nach der Deportation in Auschwitz ermordet worden sind. Frau Friedländer hatte auch den „Judenstern“ dabei, den sie am Tage der Inhaftierung ihres Bruders abriss und fortan bei über zehn verschiedenen deutschen Familien im Untergrund über 15 Monate versteckt lebte. Im Sommer 1944 wurde sie schließlich doch gefangen und überlebte mit viel Glück das Ghetto in Theresienstadt.

Es bedarf nicht viel Empathie, um sich in das Handeln der jungen Margot einzufühlen. Auch wenn die Ereignisse weit mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen, so erscheint es dem Zuhörer, als wären sie erst gestern gewesen. Nun sitzen wir heute hier und meinen zu wissen, dass dieses Schicksal uns nie wieder einholen könnte. Nur was, wenn doch? So lautete eine der diversen Fragen aus dem Publikum nach ihrer Stellungnahme zur heutigen politischen Lage. Margot Friedländer wollte sich aber dazu nicht äußern und erklärte dennoch, dass ihr sowohl die Entwicklungen in den USA als auch in Deutschland Sorgen bereite. Insgeheim hofft sie, dass sich alles zum Guten wendet – welches auch einer der Beweggründe für sie war, nach jahrzehntelangem Aufenthalt in New York in ihre Heimatstadt Berlin zurückzukehren und ihre Lebensgeschichte von Hoffnung und Verrat schriftlich aufzuarbeiten.

In ihrem Leitsatz appelliert sie an die SchülerInnen und LehrerInnen: „Seid wachsam! Seid Menschen! Ihr müsst weiterhin die Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr lange sein können.“ Das existieren kann, die von Respekt und Würde geprägt ist - der Menschenwürde.

Besuch der Holocaust-Gedenkstätte

103 Jahre und kein bisschen leise ist der Zeitzeuge, den wir mit den drei Leistungskursen Geschichte Q3 am 11.11. in der Holocaust-Gedenkstätte erleben durften. Da sitzt Marco Feingold vor uns - klein und zierlich, aber keineswegs gebrechlich wirkend - Überlebender von Auschwitz, Neuengamme und Buchenwald und plaudert mit Wiener Charme und leisem Humor. Die kaum vorstellbare Geschichte seines Lebens- und Leidensweges, mit kräftiger Stimme und erstaunlich scharfen Details erzählt, verblüfft mit ihren Brüchen und Wendungen, die ihm die Zeit der nationalsozialistischen Machtausbreitung über seine Heimat Österreich und in seinen Zufluchtsorten in der Tschechoslowakei und Polen überleben ließen. Wie ein Wunder erscheint, dass er mehrmals kurz vor dem Ende stand, in der Arbeitskompanie an der Rampe in Auschwitz beinahe wie viele andere auf die Schaufel gestützt im Stehen starb, und doch irgendwie davon kam. Grausige Einzelheiten von unmenschlichen Bedingungen, sinnloser und allgegenwärtiger Brutalität werden vor uns ausgebreitet, gehen unter die Haut und als Bilder in den Kopf. Bezaubernd: Feingolds zuhörende und (ganz selten) soufflierende Gattin, die ihn mit begütigenden Handbewegungen zu beruhigen versucht, wenn er sich in Rage redet oder etwas weitschweifig wird – aber er findet immer wieder zu seinem Faden und seiner Geschichte zurück, geht auf Fragen der Zuhörer ein. Hierbei zeigt sich, dass er nicht nur eine interessante Vergangenheit zu erzählen hat, sondern als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und als scharfer politischer Beobachter der Entwicklung in seiner Heimat und Europa topfit ist und regen Anteil an der Gegenwart nimmt.

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