Geschichte

„Versuche, dein Leben zu machen“ – Zeitzeugengespräch mit Margot Friedländer

Es war der 30.11.2017 – ein grauer Novembernachmittag wie so viele und doch wird dieser Nachmittag den teilnehmenden SchülerInnen und LehrerInnen in Erinnerung bleiben. Sie versammelten sich im Musikraum des Carl-von-Ossietzky Gymnasiums, um an der Zeitzeugenlesung mit anschließender Fragerunde zu der außergewöhnlichen Lebensgeschichte von Margot Friedländer teilzunehmen.


Die Spannung im bis auf den letzten Platz gefüllten Raum war zum Greifen nah, als die heute 96-jährige Berlinerin ans Mikrofon rückte und zu sprechen begann. Ja fast mit zittriger Stimme und einem Hauch amerikanischem Akzent las sie aus ihrer Biografie „Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“ einzelne Abschnitte vor. Sie begann mit der Schilderung des 20. Januar 1943. Jenem Tag, an dem die Familie gemeinsam fliehen wollte. Als Margot Friedländer zur Wohnung kam, fand sie diese von der Gestapo versiegelt vor. Ihr kleiner Bruder Ralph wurde festgenommen. Daraufhin eilte sie zu Bekannten und hoffte dort ihre Mutter zu treffen. Schmerzlich erfuhr sie jedoch, dass sich diese ebenfalls gestellt hatte, um den Sohn zu begleiten. Ihrer Tochter hatte sie nur die Bernsteinkette und das Adressbuch hinterlassen sowie die Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen“. Den Zuhörern am CvO stockt der Atem, als Frau Friedländer diese einzigen Gegenstände, die ihr von ihrer Mutter geblieben sind, hochhält. Viel später hatte sie erfahren, dass Mutter, Vater und Bruder nur kurze Zeit nach der Deportation in Auschwitz ermordet worden sind. Frau Friedländer hatte auch den „Judenstern“ dabei, den sie am Tage der Inhaftierung ihres Bruders abriss und fortan bei über zehn verschiedenen deutschen Familien im Untergrund über 15 Monate versteckt lebte. Im Sommer 1944 wurde sie schließlich doch gefangen und überlebte mit viel Glück das Ghetto in Theresienstadt.

Es bedarf nicht viel Empathie, um sich in das Handeln der jungen Margot einzufühlen. Auch wenn die Ereignisse weit mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegen, so erscheint es dem Zuhörer, als wären sie erst gestern gewesen. Nun sitzen wir heute hier und meinen zu wissen, dass dieses Schicksal uns nie wieder einholen könnte. Nur was, wenn doch? So lautete eine der diversen Fragen aus dem Publikum nach ihrer Stellungnahme zur heutigen politischen Lage. Margot Friedländer wollte sich aber dazu nicht äußern und erklärte dennoch, dass ihr sowohl die Entwicklungen in den USA als auch in Deutschland Sorgen bereite. Insgeheim hofft sie, dass sich alles zum Guten wendet – welches auch einer der Beweggründe für sie war, nach jahrzehntelangem Aufenthalt in New York in ihre Heimatstadt Berlin zurückzukehren und ihre Lebensgeschichte von Hoffnung und Verrat schriftlich aufzuarbeiten.

In ihrem Leitsatz appelliert sie an die SchülerInnen und LehrerInnen: „Seid wachsam! Seid Menschen! Ihr müsst weiterhin die Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr lange sein können.“ Das existieren kann, die von Respekt und Würde geprägt ist - der Menschenwürde.

Besuch der Holocaust-Gedenkstätte

103 Jahre und kein bisschen leise ist der Zeitzeuge, den wir mit den drei Leistungskursen Geschichte Q3 am 11.11. in der Holocaust-Gedenkstätte erleben durften. Da sitzt Marco Feingold vor uns - klein und zierlich, aber keineswegs gebrechlich wirkend - Überlebender von Auschwitz, Neuengamme und Buchenwald und plaudert mit Wiener Charme und leisem Humor. Die kaum vorstellbare Geschichte seines Lebens- und Leidensweges, mit kräftiger Stimme und erstaunlich scharfen Details erzählt, verblüfft mit ihren Brüchen und Wendungen, die ihm die Zeit der nationalsozialistischen Machtausbreitung über seine Heimat Österreich und in seinen Zufluchtsorten in der Tschechoslowakei und Polen überleben ließen. Wie ein Wunder erscheint, dass er mehrmals kurz vor dem Ende stand, in der Arbeitskompanie an der Rampe in Auschwitz beinahe wie viele andere auf die Schaufel gestützt im Stehen starb, und doch irgendwie davon kam. Grausige Einzelheiten von unmenschlichen Bedingungen, sinnloser und allgegenwärtiger Brutalität werden vor uns ausgebreitet, gehen unter die Haut und als Bilder in den Kopf. Bezaubernd: Feingolds zuhörende und (ganz selten) soufflierende Gattin, die ihn mit begütigenden Handbewegungen zu beruhigen versucht, wenn er sich in Rage redet oder etwas weitschweifig wird – aber er findet immer wieder zu seinem Faden und seiner Geschichte zurück, geht auf Fragen der Zuhörer ein. Hierbei zeigt sich, dass er nicht nur eine interessante Vergangenheit zu erzählen hat, sondern als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und als scharfer politischer Beobachter der Entwicklung in seiner Heimat und Europa topfit ist und regen Anteil an der Gegenwart nimmt.

Login